Eule_gez Die Eule und der Schneider 

Es war einmal eine Zeit, da zog eine unheimliche, schreckliche Krankheit übers Land, und alle Menschen fürchteten sich. Sie hatten Angst, ihr Haus zu verlassen und anderen Menschen zu begegnen. Sie verschanzten sich hinter verschlossenen Türen und verriegelten Fenstern.

Schneider Tom, der schöne, wertvolle Gewänder in Brokat und Seide genäht hatte, war plötzlich ohne Arbeit, da kein Kunde mehr kommen wollte. Er konnte seinen Schneidern keinen Lohn mehr zahlen, auch wusste er nicht, wie er sein Weib und seine beiden Kinder ernähren sollte.

In dieser schweren Zeit musste er oft an die Eule Sophia denken, der er einst im Wald begegnet war und die ihm durch ihre klugen Ratschläge zu einem erfüllten Leben verholfen hatte. Sie schenkte ihm das nie enden wollende Garn der Lebensfreude, um damit die Nähte zu schließen, dass die Menschen, die seine Kleider trugen, glücklich und zufrieden waren.

Eines Nachts, es war sehr kalt, der Mond stand leuchtend am Himmel, da lag Tom schlaflos, von Sorgen gequält, in seinem Bett. Er starrte aus dem Fenster und wünschte sich so sehr eine erneute Begegnung mit der klugen Eule Sophia.

Und es geschah.

Plötzlich verdunkelte sich das Mondlicht durch die Umrisse eines mächtigen Vogels, der sich auf den Sims seines Dachfensters setzte.

Da war SIE wieder, in ihrem prächtigen Federkleid, stolz und schön, den Kopf zur Seite gelegt und mit ihrem Schnabel klappernd, die Eule Sophia.

“Hallo Tom, du bist traurig", sagte sie. “Die Menschen haben Angst, Angst vor dieser Krankheit, und sie brauchen deine Kleider nicht. Du kannst ihnen dennoch helfen”, sprach sie weiter, ”fertige Tücher an, die sie vor dem Gesicht tragen können, um sich zu schützen, und besticke sie mit meinem Antlitz, so dass sie nie vergessen, dass Klugheit und Besonnenheit sich nicht von der Angst besiegen lassen. Tu es und tu Gutes damit!"

Mit einem lauten Schrei erhob sie sich und verschwand im grellen Licht des Mondscheins.

Ab dem nächsten Morgen nähten Tom und all seine Schneider unendlich viele Tücher und bestickten sie mit Sophia, der klugen Eule.

Sie verteilten sie in der ganzen Stadt, und die Menschen trauten sich wieder aus ihren Häusern, mit der Zuversicht, diese dunkle Zeit bald zu überstehen. Sie waren so dankbar, dass sie dem Schneider viel mehr zahlten, als er haben wollte. Er erinnerte sich an die Worte der Eule: “Tu es und tu Gutes damit”, und er tat es.